Ein Gespräch mit Johannes Seefried
Ihre Arbeiten beschäftigen sich mit Zeit, Material und Wahrnehmung. Gab es einen Moment, in dem diese Themen für Sie wichtig wurden?
Als ich noch auf dem Land gewohnt habe, hat ein Bauer in der Nähe sein Land an ein Sand- und Kieswerk verkauft. Die grünen Hügel und Wiesen, über die ich als Kind gelaufen bin, verschwanden nach und nach hinter einem Zaun. Die Landschaft veränderte sich sehr stark. Die Wiesen wurden abgetragen, Erde und Sand umgelagert und zu neuen Formen aufgehäuft.
Ich habe das nie als etwas rein Zerstörerisches wahrgenommen. Die Hügel waren nicht einfach verschwunden. Sie wurden umgeformt und etwas Neues ist entstanden. Rückblickend hat diese Erfahrung meinen Blick auf die Welt verändert.

Sie arbeiten mit Erde, Sand, Papier, Wasser und Farbe. Warum gerade diese Materialien?
In meinen Werken ist mir die Gleichzeitigkeit wichtig. Die Materialien helfen mir dabei, einerseits einen Prozess zu zeigen und andererseits eine Beständigkeit. Sie verändern sich und bleiben gleichzeitig dieselben.
Mich interessiert an diesen Materialien, dass sie Spuren von Veränderung sichtbar machen. Erde und Sand können sich ansammeln, abgetragen werden, verdeckt werden und wieder auftauchen. Dadurch entsteht für mich eine Verbindung zwischen Material und Zeit.

Sie verwenden häufig den Begriff der Gleichzeitigkeit. Was meinen Sie damit?
Ich gehe von dem Aspekt aus, dass Zeit sich anhäuft und mehr wird. Wir sammeln Zeit an und verlieren sie nicht. Daher ist die Vergangenheit, die Gegenwart und das, was noch kommt, in uns immanent.
Zeit wird für mich nicht weniger. Sie wird mehr. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft stehen nicht getrennt nebeneinander, sondern bleiben gleichzeitig wirksam.

Ihre Arbeiten wirken oft ruhig und reduziert. Gleichzeitig sprechen Sie von Veränderung und Prozess. Wo findet diese Bewegung statt?
Kennen Sie den Film Ratatouille? Ich finde, er enthält ein wunderbares Beispiel für Komposition. Remy probiert eine Zutat und eine farbige Wolke erscheint als Bild für den Geschmack. Dann kommt eine zweite Zutat hinzu und aus beiden entsteht etwas völlig Neues.
Ähnlich ist das in meinen Werken. Es gibt immer etwas, das bereits passiert ist, etwas, das gegenwärtig ist, und etwas, das noch werden kann. Die Bewegung oder Dynamik spielt sich deshalb weniger im Bild selbst ab als in der Wahrnehmung.

Welche Rolle spielen die Titel Ihrer Arbeiten?
Der Titel ist für mich kein Kommentar zum Bild. Er ist ein weiterer Impuls für die Gleichzeitigkeit des Werkes.
Ein Beispiel ist die Arbeit Als das letzte Blatt auf den unversehrten Boden Pompejis fiel. Im Bild selbst sind bestimmte Dinge sichtbar. Durch den Titel treten jedoch weitere Zeitebenen hinzu. Vergangenheit, Gegenwart und das, was noch kommen wird, können gleichzeitig wirksam werden. Der Titel erweitert das Wahrnehmungsfeld des Werkes.

Gibt es in Ihrer Arbeit überhaupt noch Verlust?
Ja, natürlich gibt es Verlust. Wir leben in einer Welt, in der wir etwas verlieren können.
Nehmen Sie die Kreidefelsen auf Rügen oder jede andere Küste. Die Wellen schlagen gegen das Gestein und tragen Welle für Welle etwas davon ab. Dabei interessiert mich, dass der verlorene Teil des Felsens selbst das Resultat von angehäufter Zeit ist.
Verlust und Veränderung schließen sich deshalb nicht aus. Sie gehören für mich zur selben Bewegung.

Sie sprechen von Zeit. Ist Zeit das zentrale Thema Ihrer Arbeit?
Zeit ist Teil von Gleichzeitigkeit.
Mich interessiert die Beziehung zwischen verschiedenen Zuständen. Zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren. Zwischen Erinnerung und Erwartung. Zwischen dem, was war, dem, was ist, und dem, was noch werden kann.

Wenn Besucherinnen und Besucher nur einen Gedanken aus Ihrer Ausstellung mitnehmen würden – welcher wäre das?
Nichts ist vergeblich.

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